Jugendzentrum Drugstore ein weiteres Jahr ohne Räume

Die Menschen, die uns und unsere Arbeit im Exil verfolgen wundern sich sicherlich, warum wir noch nicht in die angemieteten Räume in der Potsdamer Straße 134/136 eingezogen sind.

Ja, warum eigentlich nicht?

Bevor wir die folgenschwere Entscheidungen getätigt haben, unsere Schlüssel für die seit 1972 bezogenen Räume in der Potsdamer Straße 180 abzugeben, wurde vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg im Dezember 2018 ein Mietvertrag mit der Gewobag für die Räume in der Potsdamer Straße 134/136 abgeschlossen. Ein Mietvertrag, ausgelegt auf vorerst 5 Jahre, mit Räumen für leise Nutzung, da es sich um einen Wohnkomplex handelt. Es wurde gesagt, dass die Umbauarbeiten ein halbes Jahr dauern würden und zähneknirschend, aber eben ohne Alternative, hat das Drugstore-Kollektiv damit zugestimmt ein halbes Jahr „auf der Straße“ zu sitzen.

Der Vertragsschluss mit uns zog sich dann noch etwas, weil wir mit einzelnen Forderungen der Gewobag nicht einverstanden waren – da mussten wir viel diskutieren und das geben wir zu. Es wurde also erst im Mai 2019 ein Nutzungsvertrag für die Räume mit uns abgeschlossen. Doch die Bauarbeiten wurden schon vor Abschluss des Nutzungsvertrags begonnen und ziehen sich seit dem.

Bis heute. Eineinhalb Jahre nach Unterzeichnung des Mietvertrags mit der Gewobag. Erst war es die unzureichende Besetzung der Bau-Abteilung im Bezirksamt, dann die angebliche Fertigstellung der Schadstoffsanierung durch die Gewobag, die aber gar nicht erfolgt sein soll, und dann doch wieder vom Bezirksamt übernommen werden musste.

Final hieß es dann, dass wir Mitte 2020 in die Räume in der Potsdamer Straße 134/136 ziehen können.

Anfang des Jahres fingen wir dann an zu munkeln: „Wird das wirklich etwas mit der Fertigstellung?“ „Wir bekommen keine Updates aus dem Bezirksamt“, „Wird wirklich noch in der Potsdamer Straße 134/136 umgebaut? Seit Wochen hat sich bei der Baustelle nichts getan“.

Updates zu den Räumlichkeiten bekommen wir mittlerweile nur noch über die Presse oder die öffentlichen Ausschüsse. Im Ausschuss des Fachbereiches Baumanagement hieß es im Mai, dass mit einer Fertigstellung im 1. Quartal 2021 gerechnet wird. Natürlich sind wir aus allen Wolken gefallen und haben uns sogleich an unsere Kontaktpersonen im Jugendamt und Bezirksamt gewandt, um diese Information bestätigt zu bekommen. Corona griff zu dem Zeitpunkt schon massiv um sich, weswegen wir es per Mail versuchten. Dieser Kontaktversuch blieb unbeantwortet.

Im selben Monat hieß es dann in der Berliner Woche, dass die Fertigstellung der Räume in der Potsdamer Straße 134/136 bis Herbst diesen Jahres erfolgen soll.

Ja, wat denn nu?

Wir haben jetzt Ende Juni und werden VORAUSSICHTLICH (mensch weiß ja nie) nicht innerhalb der nächsten 4 Tage in die neuen Räume einziehen. Soviel steht fest.

Aber was wollen wir mit dem Text erreichen? Oder um es mit den Worten unseres Jugendstadtrats zu sagen: „Und, was heißt das jetzt?“ – Wir wollen endlich eine Auskunft bekommen! Liebes Bezirksamt, meldet euch doch bitte bei uns! Gebt uns eine Info, wann wir mit der Fertigstellung rechnen können! Diese Situation und Ungewissheit ist unerträglich!

Wir haben gerade nichts, außer unsere Öffentlichkeit. Und wir möchten mit euch transparent über unsere aktuelle Situation reden und euch diese mitteilen

Fest steht:
„Ein Jugendzentrum ohne Räume hat keine Chance zu überleben“ (https://www.berlin.de/…/pr…/2020/pressemitteilung.946306.php) .

Gespräch und Filmvorführung: Offene Jugendarbeit in Berlin

Am 26.06.2020 ist das Drugstore und die Potse teil einer Online-Diskussion und Filmvorführung zum Thema „Offene Jugendarbeit in Berlin“

Link zum Event: https://www.facebook.com/events/2615097805406879/

Veranstaltungstext:

„Aus aktuellem Anlass: Gegen das seit über 40 Jahren tätige freie Jugendzentrum Potse in Berlin-Schöneberg läuft ein Räumungsprozess, dessen Urteil Anfang Juli 2020 verkündet wird. Das assoziierte und ehemals benachbarte Jugendprojekt Drugstore ist bereits draussen. Das befreundete Tommy-Weisbecker-Haus in Kreuzberg hält sich, fragt sich, kann es langfristig bleiben?

Mit Vertreter*innen von Potse und Drugstore sowie Wulf Sörgel , Co-Regisseur des Dokumentarfilms „Weg von der Straße“ (1997) über das Tommy-Haus sprechen wir über städtische Räume für freie, nicht-kommerzielle Jugendarbeit damals und heute.

Moderation: Axel Bussmer (Humanistische Union):

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Humanistischen Union und dem Lichtblick-Kino Berlin.

Zum Film

Weg von der Straße
D 1997 50 min
R: Klaus Bischoff, Wulf Sörgel

Film online schauen
https://vimeo.com/431230681

Das Tommy-Weisbecker-Haus in der Wilhelmstr. 9, eines der ersten besetzten Häuser in Berlin (seit 1973), wird in diesem Film in seiner bewegten Geschichte dargestellt.

Tommy Weisbecker, schon in den 60ern bekannt in der Berliner Blues- und Provoszene, schloss sich dann dem bewaffnetem Kampf an und wurde 1972 von der Polizei erschossen. Schon die Namensgebung des Hauses lässt vermuten, dass die Staatsgewalt sich provoziert gefühlt haben könnte.

Der Film zeigt in Interviews mit Erstbesetzern (u.a. Ralf Reinders, Bewegung 2. Juni), NachbarInnen, SozialarbeiterInnen, BewohnerInnen und AktivistInnen, was im Haus und drumherum geschah. Dazu gehören auch z.T. legendäre Punk-, Ska- und Reggaekonzerte, die in eindringlichen Archivaufnahmen dokumentiert werden.“

Selbstverwaltetes Jugendzentrum Potse sucht neue Räume

Es sind nur noch wenige Wochen bis zum Räumungsurteil der Potse. Wir brauchen akut neue Räume für leise und/oder am besten laute Nutzung. In Verhandlungen mit dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg hat sich ergeben, dass dieser für die Miete aufkommen wird (3000 € monatlich bis mind. 2 Jahre). Jetzt brauchen wir jede Unterstützung, um die Potse am Leben zu erhalten. Kennst du Immobilienfirmen? Genossenschaften? Eigentümer*innen? Oder hast du selber Räume zu vermieten? Wir starten ab jetzt eine zweiwöchige Kampagne, um für den Erhalt des selbstverwalteten Jugendzentrums Potse zu kämpfen. Die Frist läuft am 26.06. ab, bis dahin müssen wir was gefunden haben. Unterstütze uns bei der Suche und teile diesen Aufruf in der Nachbarschaft, auf Familienfeiern, im Internet oder offiziellen Plattformen.
Solidarische Grüße, das Potse Kollektiv
Kontakt: helppotse@riseup.net